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Interview zu Kleinstunternehmen in Wirtschaftswissenschaften und -ethik

von Philippa Everz | 7. Oktober 2018

Für das Forum Wirtschaftsethik gab Prof. Dr. Dr. Alexander Brink im September ein Interview zu Kleinstunternehmen in Wirtschaftswissenschaften und – ethik. Dabei zeigt er, dass der Ursprung des Wirtschaftens im Kleinstunternehmertum lag vor 2000 Jahren in Form der Subsistenzwirtschaft, als jeder Haushalt Selbstversorgung betrieb. Seitdem hat sich in den Wirtschaftswissenschaften einiges verändert. Prof. Dr. Dr. Brink rekonstruiert den Verlauf anhand der einflussreichsten Theoretiker sowie wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmen und zeigt wie der Fortschritt in der Theorie, Einfluss auf die Praxis nahm.  Nicht unkritisch legt er den aktuellen Stand der „Business-Ethics-Bewegung“ dar, stellt die Relevanz von Kleinstunternehmen im akademischen sowie praktischen Kontext heraus und erläutert aktuelle Handlungsfelder und mögliche Problemlösungen.  

Und hat die Business-Ethics-Bewegung ihr Ziel erreicht?

Im deutschen Schulenstreit der 1990er Jahre war man irgendwie im homo-oeconomicus-Paradigma verhaftet. Es ging uns in der Diskussion gut zehn Jahre um die Grundsatzfrage nach dem (systematischen, aber nicht einzigen) Ort der Moral. Karl Homann und viele seiner Schüler hatten eine deutliche Tendenz zur Restriktion, Peter Ulrich mit seiner akademischen Gefolgschaft sprach sich eher für die Präferenz aus. Zur Erinnerung: Das homo-oeconomicus-Modell geht im Standardmodell (daran glauben ja angeblich nicht mehr viele!) davon aus, dass sich menschliches Verhalten durch eine Veränderung von Restriktionen bei Konstanz der Präferenzen ändert. Daraus entwickelten sich damals eigene Schulen und große Spannungsfelder zwischen der Institutionenethik auf der einen und der Individualethik auf der anderen Seite. Die Diskussion wurde rein akademisch geführt. Wenn man ehrlich ist, kannten nur sehr wenige die Wirtschaftspraxis. Das wäre auch zu diesem Zeitpunkt irgendwie zu viel verlangt, immerhin war der Anspruch, Wirtschaft und Ethik in einer neuen Disziplin, Wirtschafts- und Unternehmensethik, zusammenzuführen, groß genug. Erst internationale Erkenntnisse aus den Nachbarwissenschaften brachten den Praxis-Durchbruch und führten zu einer neuen Richtung, die häufig als Behavioural Business Ethics – kurz BBE – bezeichnet wird.

Hätte man sich schon vor dieser verhaltensorientierten Wende stärker den Kleinstunternehmen gewidmet, wäre das eine oder andere akademische Wortgefecht sicherlich anders geführt worden. Um ein Beispiel zu geben: Die Kluft zwischen Institutionen- und Individualethik ist im „Ein-Personen-Unternehmen“ (qua Definition ein Kleinstunternehmen) leichter überwunden worden. Die Wirtschaftspraxis (nicht die Wirtschaftswissenschaft!) hat für diesen Grenzfall der Übereinstimmung von Individuum und Institution eine neue Denkfigur ins Spiel gebracht, die viel älter ist als das idealisierte homo-oeconomicus-Modell: den Ehrbaren Kaufmann. Die akademische Rezeption des Ehrbaren Kaufmanns wurde leider völlig vernachlässigt und erst in einer jüngst im Forum Wirtschaftsethik geführten Debatte erneut angestoßen. Dass die Wirtschaftswissenschaft dem Ehrbaren Kaufmann keine Bedeutung gab, ist aus der Brille eines Ökonomen gut nachzuvollziehen. Durch die Konstanz der Präferenzen im homo-oeconomicus-Modell sind Tugendhaftigkeit und Ehrbarkeit systematisch ausgeschlossen. Wir haben hier dennoch viel Zeit verschlafen. In der hochaktuellen Diskussion über Compliance und Integrität spüren wir die Versäumnisse in dramatischer Art und Weise. Während sich der Compliance-Bereich in den letzten Jahren gut weiterentwickelt und professionalisiert hat (klar: Compliance bezieht sich auf die Änderung der Restriktionen), haben wir uns zu wenig um die Integrität bemüht (auch klar: die Präferenzen sind konstant). Compliance und Integrität sind aber zwei Seiten einer Medaille, weil sie alternative Governancemechanismen der Implementierung von Werten und Normen in die konkrete Praxis sind.

Das vollständige Interview finden Sie hier.